PM06 | GERMAN VERSION ONLY

Filmfest Gala: Fabelhafte Prärie-Welt feiert Weltpremiere. Junge Regisseure bringen aufregende Debüts nach Oldenburg. Tribute für Seymour Cassel


Mit »Adamstown« feiert ein einzigartiger Western Premiere bei der Filmfest Gala des Internationalen Filmfest Oldenburg seine Weltpremiere. Zahlreiche Premieren junger Filmemacher bilden weitere Highlights. Farewell to Seymour Cassel


Wilder Westen für die Filmfest Gala:
Adamstown, Deutschland 2019, von Patrick Merz & Henning Wötzel-Herber
Adamstown ist Musik, Adamstown ist Comic. Adamstown ist die Verdammnis, Adamstown ist unsere Hoffnung. Und jetzt ist Adamstown auch ein Film. Patrick Merz und Henning Wötzel-Herber haben die gleichnamige Graphic Novel von der Hamburger Künstlerin Verena Braun für die Leinwand adaptiert und ein Cinemascope-Westernmusical im norddeutschen Flachland inszeniert.

Das besondere daran: Der Film ist komplett ohne klassische Filmförderung entstanden. Produziert wurde der Film vom ABC Bildungs- und Tagungszentrum, der Hüller Medienwerkstatt und Directors-Cut. Beteiligt am Projekt waren Menschen mit und ohne Behinderung, Fluchtgeschichte ebenso wie Menschen verschiedener geschlechtlicher Identitäten, kulturellen und religiösen Hintergründen. Das Internationale Filmfest Oldenburg freut sich neben den Regisseuren nahezu das gesamte Ensemble zur Weltpremiere in Oldenburg willkommen zu heißen.  
Filmfest Gala, Samstag, 14. September, 19 Uhr, Oldenburgisches Staatstheater

Tribute für Seymour Cassel:
Am 7. April dieses Jahres verstarb der Schauspieler und langjährige Wegbegleiter des Internationalen Filmfest Oldenburg, Seymour Cassel. Eines der Gesichter des amerikanischen Independentkinos, das in vielen Filmen von John Cassavetes zu sehen war und immer wieder zwischen Hollywood und unabhängigem Kino mühelos variierte. In Oldenburg waren über 20 seiner Filme über die Jahre zu sehen, Cassel selbst war viele Male in der norddeutschen Stadt zu Gast. Im Jahr 2013 wurde ihm aufgrund seiner Verdienste um die Stadt von Oberbürgermeister Schwandner das Große Siegel der Stadt Oldenburg verliehen. Seit 2012 vergibt das Filmfest einen Darstellerpreis, der seinen Namen trägt. Der erste Preisträger des Seymour Cassel Awards war Tom Schilling für seine Rolle in Jan-Ole Gersters Debüt »Oh Boy«. In diesem Jahr wird das Festival von Seymour Cassel mit einem Tribute Abschied nehmen, in dem drei seiner schönsten Filme zu sehen sein werden.

Neben den Klassikern »Minnie und Moskowitz« von John Cassavetes und »In the Soup« von Alexandre Rockwell (der in einer restaurierten Fassung erstmals in Deutschland zu sehen sein wird), wird es auch zu einer Wiederaufführung eines der unvergleichlichsten Momente der Festivalhistorie geben. Als 2008 LeVar Burton’s »Reach for Me« im Oldenburgischen Staatstheater Weltpremiere feierte, wurden der Film und Seymour Cassels Darstellung eines Patienten in einem Hospiz überschwänglich gefeiert. Ein Erlebnis, das mehr als 500 Zuschauern unvergesslich wurde. Die Produzentin Charlene Blain-Schulenburg wird zu Ehren dieser Wiederaufführung nach Oldenburg reisen.

Weitere Highlights: Premieren und Debüts bringen aufregendes, junges Kino in die Stadt:

The Projectionist, Dominikanische Republik 2019, von José María Cabral
Eliseo ist ein mürrischer, hoffnungsloser Nostalgiker. Er lebt allein, und in der Erinnerung an eine vergangene, cineastische Welt. Mit seinem fahrenden Projektor reist er von Stadt zu Stadt, um das Kino zu den Menschen zu bringen. Seine größte Liebe gilt einer Frau – doch sie existiert nur auf körnigen, knisternden Filmrollen, die er nachts auf ein Bettlaken projiziert. Tausende Male hat er der schönen Fremden schon zugeschaut, mit ihr gegessen, mit ihr geschlafen. Als die alten Filmrollen durch einen Unfall zerstört werden, macht Eliseo sich auf die Suche nach der Unbekannten. EUROPAPREMIERE

Greener Grass, USA 2019, von Jocelyn DeBoer & Dawn Luebbe
In einer skurril-schrillen Vorstadthölle sind nicht nur die Pflanzen aus Plastik, auch die Bewohner versuchen sich mit viel Makeup und grellen Outfits zu optimieren. In ihrem blinden Bemühen um Geltung und Akzeptanz geschehen die absurdesten Dinge. Als eine der roboterhaften Nachbarinnen aus diesem Plastiktraum erwacht, entwickelt sich »Greener Grass« zu einer tiefschwarzen Komödie. DeBoer und Luebbe haben »Greener Grass« nicht nur produziert, sie sind auch in den Hauptrollen zu sehen, haben das Buch geschrieben und Regie geführt. Der Film ist eine der Festivalsensationen des Jahres, nach der Premiere beim Sundance Festival bringen die beiden ihr Werk nun nach weiteren Stationen in Locarno und Deauville nach Oldenburg. DEUTSCHLANDPREMIERE

Patrick, Belgien 2018, von Tim Mielants
Patrick lebt mit seinen Eltern auf deren Nudisten-Campingplatz mitten in der belgischen Pampa. Nach dem Tod seines Vaters übernimmt er dessen Geschäfte. Seine erste Amtshandlung: die Suche nach dessen kurz zuvor verschwundenen Lieblingshammer. Das kuriose Detektivspiel mit reichlich Situationskomik entwickelt sich schon bald zu einer Metapher der Trauer um seinen Vater und einer Sinnsuche im eigenen Leben. Als Patricks Hammer Werkzeug eines Verbrechens wird, überschlagen sich die Ereignisse. Tim Mielant gelingt eine Gradwanderung zwischen Slapstick, tiefgehenden Lebensfragen und sensiblen Beobachtungen. »Patrick« wurde beim Filmfest Karlovy Vary für die Beste Regie ausgezeichnet. DEUTSCHLANDPREMIERE

Sequin in a Blue Room, Australien 2019, von Samuel van Grinsven
»Sequin« ist der Künstlername eines 16-Jährigen, der zur ersten Generation erwachsenwerdender Homosexueller gehört und im Zeitalter der Sozialen Medien und Netzwerke herausfinden will, wer er ist. Seine Eltern sind fürsorglich und sein Schulalltag ist unauffällig. In der digitalen Welt jedoch, in der sich diverse Möglichkeiten auftun, versinkt Sequin in Chat-Apps und wird schneller erwach-sen, als es normal wäre: Immer eingeloggt – aber niemals emotional gebunden. Er fälscht sein Alter und ignoriert Bekanntschaften, sobald der Reiz verflogen ist. Er scrollt weiter. Als er auf einen geheimnisvollen Mann trifft, ändert sich das: Er ist entschlossen, den Fremden aufzuspüren und begibt sich in ein gefährliches Labyrinth. Samuel Van Grinsven gewann bei seiner Premiere im Juli beim Sydney International Film Festival den Publikumspreis. INTERNATIONALE PREMIERE

The Science of Fictions, Indonesien 2019, von Yosep Anggi Noen
Indonesien in den 60ern: Inmitten eines Staatsstreichs und einem von der Welt verborgenen Genozid, stolpert Siman in ein im Wald verstecktes Filmset. Die verborgenen Dreharbeiten: die vorgetäuschte Mondlandung. Er wird gezwungen, sich die Zunge abzuschneiden, um seiner Verschwiegenheit gewiss zu sein. Traumatisiert baut er in seinem Garten eine Rakete nach und beginnt sich zu bewegen wie ein schwereloser Astronaut auf dem Mond. Ein Leben in Zeitlupe als Ausweg in eine bessere Welt. Zum 50ten Jahrestag der Mondlandung, in Zeiten, die mehr denn je mit „Fake News“ überflutet sind, kommt dieser wilde und intelligente Film des indonesischen Shooting Stars Yosep Anggi Noen gerade rechtzeitig. In Locarno erhielt Noen besondere Erwähnung der Jury. DEUTSCHLANDPREMIERE

The Gasoline Thieves, Mexiko 2019, von Edgar Nito
Die mexikanische Provinz, in der Lalo aufwächst, ist alles andere als sicher. Die unbeschwerte Jugend des Jungen endet abrupt, als ihn die Suche nach der Gunst seiner Schulhofliebe in eine lokale Untergrundbande katapultiert. Während der Ölkrise lässt er sich von den „Huachicoleros“ in gefährliche nächtliche Raubzüge verwickeln, auf denen in den umliegenden Raffinierien das wertvolle Öl abgepumpt wird, um es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. In seinem Spielfilmdebut verfolgt Regisseur Edgar Nito den verhängnisvollen Weg Lalos und zeichnet das Bild eines armen, gottverlassenen Landes. Beim New Yorker Tribeca Film Festival wurde Nito mit dem Best New Narrative Director Award ausgezeichnet. EUROPAPREMIERE

Bis die Welt einen Rand bekommt, Deutschland 2019, Daniel Bertram
Flos Vater liegt im Koma. Sie berührt seine Finger, flüstert ihm ins Ohr – doch: nie erlebt sie eine Reaktion. Ihre Mutter Julia muss sich derweil mit der schlimmsten aller Fragen auseinandersetzen, wann die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt werden. In ihrer Ohnmacht öffnet sie ihrem Kind den einzigen Ausweg aus der Situation, sie gewährt Flo die Schaffung einer Fantasie, die zunehmend zu einer Parallelwelt heranwächst: Ihr Vater ist ein Astronaut auf der Reise zum Mond. Mit spektakulären Sci-Fi-Bildern und tollen Darstellern bringt Daniel Bertram seine Geschichte ebenso bildgewaltig wie sensibel in fantastischer Farbpalette auf die Leinwand. WELTPREMIERE

 

back