Retrospektive Bruce Robinson

»I got no voice. I don’t know how to write like myself.« Um dieses Bekenntnis kreist »The Rum Diary«, Bruce Robinsons Verfilmung von Hunter S. Thompsons gleichnamigem Roman. Paul Kemp hat seine Stimme noch nicht gefunden. Stil hat er, aber keine Haltung, die seinem Schreiben Dringlichkeit und Kraft geben könnte. Also lässt Kemp sich treiben, von einem Glas Rum zum nächsten, von einer Geschichte zur anderen. Am Ende seines turbulenten Aufenthalts in San Juan, der Hauptstadt Puerto Ricos, wird der von Johnny Depp gespielte Journalist seine Stimme doch noch gefunden haben. In der ausgeräumten Druckerei der lokalen Zeitung, bei der er einen Job ohne jede Zukunft hatte, verkündet er: »Do you smell it? It’s the smell of bastards. It’s also the smell of truth.« Der Gestank von Drecksschweinen und der Geruch von Wahrheit gehören nicht nur für Kemp, in dem der zornige Hunter S. Thompsons sich selbst porträtiert hat, zusammen. Auch Bruce Robinson ist ihnen ständig auf der Spur.


»Ich habe keine Stimme. Ich weiß nicht, wie ich wie ich selbst schreiben soll.« Sicher kennt der 1946 in der Grafschaft Kent geborene Filmemacher und Schauspieler Bruce Robinson diese Zweifel auch. Schließlich versteht er es wie kaum ein anderer Drehbuchautor, über eben diese Krisen zu schreiben, ihre Dramatik und ihre Lächerlichkeit einzufangen. Aber angesichts seines Werks scheint es fast unmöglich, sich ihn als Paul Kemp oder gar als Withnail vorzustellen. Daran ändert auch das Wissen um den autobiographischen Kern seines Regiedebüts »Withnail & I« nichts. Schon in seinen Arbeiten als Schauspieler, in Franco Zeffirellis »Romeo & Juliet« und Ken Russells »The Music Lovers«, in François Truffauts »L’histoire d’Adèle H.« und Carlo Lizzanis »Kleinhoff Hotel«, hat er etwas von einem Kino-Auteur. Seine Figuren sind Teil des künstlerischen Konzepts der Filme und doch unverkennbar Robinsons Kreationen. Er drückt ihnen seinen eigenen Stempel auf und vertieft so die Vision der Regisseure. Insofern war es nur konsequent, dass er schließlich angefangen hat, Drehbücher zu schreiben und selbst Regie zu führen.

Besonders Robinsons Porträt eines paranoiden, seines Lebens überdrüssigen deutschen Terroristen in Lizzanis wildem Thriller aus der bleiernen Zeit am Ende der 70er Jahre wirkt wie eine erste Blaupause für seine späteren Drehbücher und Regiearbeiten. Der linksextreme Karl, der sich in einem Hotelzimmer versteckt, schwankt ständig zwischen wüsten Gewaltausbrüchen und lähmender Verzweiflung hin und her. Die Krankheit zum Tode hat ihn fest in ihren Krallen. Robinsons Spiel sprüht dabei vor manischer Energie. Karls Wut ist Withnails und Kemps Rage nicht unähnlich, und auch seine Sehnsucht und sein Selbstekel hallen in ihnen nach. Wie diese beiden Künstler-Revolutionäre rennt er gegen eine von Gier und Gleichgültigkeit geprägte Gesellschaft wie gegen eine Wand an. Nur hat er dabei jedes Maß verloren.

Eine gewisse Maßlosigkeit ist auch Robinson selbst nicht fremd. Filme wie »Withnail & I«, dieser bitterböse Abgesang auf die großen Erwartungen und hochfliegenden Illusionen der 60er Jahre, und »How to Get Ahead in Advertising«, seine prophetische Abrechnung mit der niemals zu befriedigenden Gier der Menschen, haben eine ungeheure Sprengkraft. Wie Karl greift auch er den Status quo einer Gesellschaft an, die irgendwann jeden zerstört. Nur ist seine Waffe die Kunst. Der sarkastische Witz dieser beiden Filme trifft direkt ins dunkle Herz unserer Begierden und all der wohlfeilen Lügen, mit denen wir unsere Gleichgültigkeit und unseren Egoismus rechtfertigen. Große Hoffnungen, dass die Kunst etwas verändern kann, macht sich Robinson allerdings nicht. Es ist, wie Kemps es einmal mit Blick auf die US-amerikanischen Touristen in Puerto Rico sagt: »The great whites. Probably the most dangerous creatures on earth.« Und sie sind eben nicht nur gefährlich,
sondern kaum auch aufzuhalten.

Ausgebremst werden stattdessen Künstler wie Robinson. Seine Radikalität hat ihn, der in der Tradition der großen satirischen Moralisten wie William Makepeace Thackeray und Oscar Wilde steht, zu einem der großen Außenseiter des Kinos gemacht. Für sein Drehbuch zu Roland Joffés Kriegsdrama »The Killing Fields«, das in seinen stärksten Momenten die düstere Seite des typisch westlichen Engagements des New York Times-Reporters Sydney Schanberg offenlegt, hat er zwar eine Oscar-Nominierung erhalten. Aber auch die konnte ihm nicht dauerhaft die Türen in Hollywood öffnen. »Jennifer 8«, sein einziger Studiofilm, sticht zwar aus der Flut der Psychothriller um hilflose Frauen und sadistische Serienkiller heraus, die in den 90er Jahren die Kinos regelrecht überschwemmt hat.

Nur sind die Kompromisse, die das Studio Robinson abverlangt hat, trotzdem nicht zu übersehen. Einiges verbindet Andy Garcias Cop, der schließlich selbst ins Visier seiner Kollegen gerät, noch mit den Protagonisten der anderen Filmen. Aber die Freiheiten, die Robinsons unbequeme
Sicht auf die Menschen und die Welt braucht, hat ihm Hollywood nicht gewährt. So hat er sich seit den 90ern Jahren mehr und mehr dem Schreiben von Romanen und Sachbüchern zugewandt. Was das Kino dadurch verloren hat, wird in »The Rum Diary« offensichtlich. Anders als »Fear and Loathing in Las Vegas«, Terry Gilliams extrem überdrehte Verfilmung von Hunter S. Thompsons berühmtesten Roman, fängt seine Adaption den Geist von Thompsons Schaffen kongenial ein. Witz und Wut verbinden sich auf unnachahmliche Weise.
So kann Robinson den amerikanischen Traum zu Grabe tragen, und einen zugleich von einem anderen Kino und damit auch von einer anderen Welt träumen lassen.