A tribute to Amanda Plummer

»Ich wollte nie Amanda Plummer sein.«

Und wer kann ihr das verübeln? Die Charaktere, die sie geschaffen und die Rollen, die sie ausgefüllt hat, haben sie durch die Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz geführt. Das ist für eine einzelne Person schwer zu bewältigen.

Mit ihren Rollen auf der Bühne, hat sie New Yorker Kritiker um den Finger gewickelt und Tony Awards
gewonnen. Für ihre Leinwandrollen wurde sie mit Nominierungen für die BAFTAs, American Comedy Awards und Fangoria Chainsaw Awards bedacht – und hat Kritikerpreise und einen Saturn Award der Akademie für Science Fiction, Fantasy und Horror gewonnen. Aber außerhalb ihrer Rollen, wenn sie nur Amanda Plummer spielt, erkennt sie niemand. Und für eine Schauspielerin, die dafür bekannt ist, sich komplett verwandeln zu können, ist dies das ultimative Kompliment. Sidney Lumet verglich sie mit einem jungen Marlon Brando und nannte sie eine Quelle »unbegreiflichen Talents«. Lawrence Bender, der Produzent von »Pulp Fiction« bezeichnete sie als »ein Chamäleon, von dem man die Augen nicht lassen kann«.Peter O’Toole lobte ihr unglaubliches Talent, regionale Tonfälle zu imitieren. Körperlich, emotional und auf akustisch verschwindet Amanda komplett hinter ihrer jeweiligen Rolle.


Der Tochter von Bühnengrößen wurde dies in die Wiege gelegt. Ihr Vater, Oscargewinner Christopher
Plummer, ist einer der angesehensten Theaterschauspieler dieser Welt. Ihre Mutter, Tammy Grimes, ist
ein Broadwaystar. Sie trennten sich, als Amanda drei Jahre alt war – und während ihre Mutter arbeitete,
saß Sie oft allein zu Hause – unsichtbar in einer Scheinwelt, die sie mit Charakteren bevölkerte, die sie dann
spielen dürfte.

Sie wurde nach einem Charakter in Noel Cowards Bühnenstück »Private Lives« benannt, für deren Darstellung ihre Mutter einen Tony gewann: Amanda. Und genau diese Rolle sollte sie bekommen, als sie sich am Middlebury College in Vermont um Rollen im Schultheater bemühte. Es war das erste und (wahrscheinlich) letzte Mal, dass sie eine Amanda spielte. Über ihre erste Filmrolle 1981 in »Cattle Annie and Little Britches« schrieb die einflussreiche Kritikerin Pauline Kael: »Die einzige Schauspielerin, die jemals ein so aufregendes, seltsam lyrisches Debüt hingelegt hat, war Katherine Hepburn.«

Von Waisen zu Exzentrikern, von verwundbar zu kämpferisch – man kann sie in keiner Rolle wiedererkennen. Und nach einem Jahrzehnt von brillant ausgefüllten Rollen auf Bühne und Leinwand, war es der Part des scheuen, aber nicht ganz zurechnungsfähigen Objekts von Robin Williams Begierde in »König der Fischer« (1991), der ihr auch Mainstream-Erfolg bescherte. Ihre schießwütige Gangsterbraut 1994 in »Pulp Fiction« brachte ihr Kultstatus ein und als bisexuelle Serienmörderin in »Butterfly Kiss«, erschreckte sie das Publikum 1996 mit ihrer brutalen Ehrlichkeit. In 100 Leinwandauftritten, angesiedelt zwischen Indie-Dramen und Blockbustern, zeigte sie ihr außerordentliches Talent, das aus einer unendlichen Quelle zu sprudeln scheint.

Sie schauspielert nicht – sie absorbiert. Für jeden Charakter legt sie ihre eigene Identität ab und sagt, sie müsse sich »entleeren, um nicht präsent zu sein«. Und mit jeder Rolle schlüpft sie in die unsichtbaren Fußstapfen eines neuen Charakters, der sie ausfüllen und auf Reisen in unbekannte Länder mitnehmen wird. Aber eben nicht als Amanda. Große Schauspielkunst widerstrebt jeder Analyse. Und Amanda widerstrebt. Sie ist eben nicht das Mädchen von nebenan – aber wenn sie es spielen würde, wäre das garantiert verdammt interessant anzuschauen.


Aus ihrer kindlichen Fantasie entstand einst ein Charakter namens Amberstwyth – ihre wohl ätherischste Kreation, nicht an eine Kunstform gebunden. So wie die Künstlerin selbst. Vielleicht wird in ein paar Jahren jemand einen Charakter namens Amanda Plummer erfinden. Eine Summe aus Charakteren, die zu viele und zu vielseitig sind, um in einen einzigen Menschen hineinzupassen. Und Freude daran haben, Amanda Plummer zu sein.