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Ted Kotcheff - Ein Porträt

Als der 1931 in Toronto geborene Filmemacher Ted Kotcheff nach gut 15 Jahren, in denen er vor allem fürs Fernsehen, zunächst für den kanadischen Sender CBC, später dann in England, gearbeitet hatte, die Möglichkeit bekam, eine Reihe von Kinofilmen zu realisieren, zogen schon die Wunderkinder des New Hollywood nahezu die gesamte Aufmerksamkeit der internationalen Filmszene auf sich. Kinoexzentriker wie Coppola und Scorsese, Altman und Friedkin wurden für ihre Exzesse gefeiert und waren zumindest ein paar Jahre lang das Maß aller Dinge. In diesem Klima musste sich Kotcheff, dem jede Form von inszenatorischem Manierismus fremd ist, schließlich in der Rolle des Außenseiters, des Verkannten, wiederfinden. Aber letztlich war dies genau die Rolle, in der er ganz bei sich sein konnte. Außerdem musste die Zeit auf lange Sicht einfach irgendwann zu seinem Verbündeten werden.

In den 70er und 80er Jahren stand Ted Kotcheff fast immer im Schatten anderer. Zuerst waren es die Movie Brats und Raging Bulls des New Hollywood, später dann Stars wie Sylvester Stallone, die den Blick auf die eigentlich nicht zu übersehenden und auch nicht zu unterschätzenden Qualitäten seines Werks versperrten. Heute, drei Jahrzehnte später, zeigt sich dagegen ein ganz anderes Bild. Während einige der einst als modern und zukunftsweisend gefeierten New Hollywood-Filme gnadenlos von der Zeit überholt wurden und sich nun als reine Modeerscheinungen offenbaren, hat Ted Kotcheffs Œuvre nichts von seiner emotionalen Wucht und seiner unerbittlichen Klarheit verloren.

Filme wie der existentialistische Alptraum „Wake in Fright“ (1971) und der elegische Western „Billy Two Hats“ (1974) und die satirische Komödie „Fun With Dick and Jane“ (1977) wirken heute sogar noch radikaler als zur Zeit ihrer Premiere. Seine Art der Kompromisslosigkeit, die einzig und allein darauf zielt, zum innersten Kern der Figuren und damit zur Wahrheit über die Verhältnisse ihres Lebens vorzudringen, war eben nicht so PR-tauglich wie der egomanische Habitus einiger seiner Zeitgenossen. Aber dafür konnte er ihr in jeder Situation und auch jedem System treu bleiben.

Natürlich hat Ted Kotcheff mit seinen in Amerika entstandenen Filmen die Maschinerie Hollywoods bedient, aber er hat sich eben niemals von ihr vereinnahmen lassen. Er hat sich vielmehr von Anfang an ganz bewusst dafür entschieden, stets eine Art Fremder, ein Beobachter, zu bleiben, dem es keineswegs darum geht, anderen zu gefallen.

Für seinen vierten Kinofilm, „Wake in Fright“, dieses schonungslose Panorama des Lebens im Outback, ist er nach Australien, das fremde Land schlechthin, gegangen. Und auch ihn prägt dieser kompromisslose Scharfblick, mit dem nur ein Fremder, ein Eindringling, eine ansonsten geschlossene Welt durchdringen kann. So ist dieses verstörende Porträt einer existentiellen Leere zu einem Meilenstein des australischen Kinos geworden, der eine ganze Generation von Filmemachern geprägt hat.

Aus der Distanz des Fremden erwächst dank Kotcheffs unvoreingenommenem Blick eine andere Form von Nähe. Mit jeder Einstellung dringt er zum Wesen der Welt und der Menschen vor, von denen er erzählt. Diese wundervolle Gabe, das Wesentliche zu erkennen, immer direkt zum Kern der Dinge vorzudringen, prägt auch „First Blood“, seinen berühmtesten Film, in dem zudem noch eine der ikonischen Figuren des Kinos der 80er Jahre das Licht der Leinwand erblickte. Aber letztlich steht auch dieser Actionfilm trotz allem quer zum damaligen Mainstream- und Genrekino. Als ewiger Außenseiter hat Kotcheff die Zerrissenheit Amerikas nach dem Vietnam-Krieg mit einer Präzision offengelegt, die bis heute einzigartig geblieben ist.

Selbst bei seinen kanadischen Filmen hat sich Ted Kotcheff ganz bewusst den Blick des Fremden bewahrt. Gleich zweimal hat er Romane eines anderen begnadeten Außenseiters, des jüdischen Schriftstellers Mordecai Richler verfilmt. „The Apprenticeship of Duddy Kravitz“ (1974), der den Golden Bären in Berlin gewonnen hat, und „Joshua Then and Now“ (1985) erzählen dabei mit einer schon atemberaubenden Genauigkeit vom Leben der jüdischen Minderheit in Montreal. Sie zeigen einfach das Leben, so wie es eben ist, in all seinen oft widersprüchlichen Facetten. Mehr kann ein Filmemacher kaum leisten.

Die Filme der Retrospektive

Life at the Top
UK 1965 | R: Ted Kotcheff |
mit Laurence Harvey, Jean Simmons, Honor Blackman, Michael Craig
Fr 17.30 Cine k

Wake in Fright
AUS 1971 | R: Ted Kotcheff |
mit Gary Bond, Donald Pleasence, Chips Rafferty
Sa 20.00 Casablanca

The Apprenticeship of Duddy Kravitz
CAN 74 | R: Ted Kotcheff |
mit Richard Dreyfuss, Micheline Lanctôt, Jack Warden, Randy Quaid
So 17.30 CinemaxX 8

Who is Killing the Great Chefs of Europe?
USA/BRD 1978 | R: Ted Kotcheff |
mit George Segal, Jaqueline Bisset, Robert Morley
Fr 22.30 CinemaxX 8

Ted Kotcheff´s Gourmet Cinema
USA 2011
Das Making of von »Who Is Killing the Great Chefs of Europe?«
So 12.00 Cine k

First Blood
USA 1982 | R: Ted Kotcheff |
mit Sylvester Stallone, Richard Crenna, Brian Dennehy
Do 20.00 CinemaxX 7
So 14.30 JVA

Joshua Then and Now
CAN 1974 | R: Ted Kotcheff |
mit James Woods, Gabrielle Lazure, Alan Arkin
Sa 15.00 Cine k