Roger Fritz - Ein Porträt
München in der zweiten Hälfte der 60er Jahre. Vielerorts haftet der Stadt, die immer schon ihren ganz eigenen Rhythmus hatte, noch etwas Provinzielles an, als sei die Zeit in den 50ern, den ersten Wirtschaftswunder-Jahren, stehen geblieben. Doch zugleich ist sie auch ganz nah dran am Puls der Swinging Sixties. Die international nomads des Jet Sets schlagen an der Isar immer wieder ihre Zelte auf, genauso wie Models und Musiker, Filmemacher und Fotografen aus aller Welt. In diesem einzigartigen Klima, in dem mit einmal alles möglich zu sein schien und ein endgültiger Abschied von Gestern zum Greifen nah war, blühte vor allem das Kino auf. Jenseits der Reihen der Unterzeichner des Oberhausener Manifests, die der bundesrepublikanischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten wollten, fand in diesen Jahren in München noch eine zweite Kinorevolution statt. Mit ihren von amerikanischen Genrefilmen genauso wie von der nouvelle vague, von Antonioni wie von Hawks geprägten ersten Arbeiten leuten Eckhart Schmidt und Rudolf Thome, Klaus Lemke und Rainer Werner Fassbinder, Marran Gosov und May Spils eine neue Ära ein. Der Pop und seine Ästhetik der Oberflächen war endlich auch im deutschen Film angekommen.
Es war eine Zeit, in der Kino und Leben auf wundervolle Weise miteinander verschmolzen ... und einer war immer mittendrin: der Fotograf und Regisseur, Schauspieler und Produzent Roger Fritz. Nachdem er 1955 dem berühmten Fotokünstler Herbert List in München begegnet war und ihm eine Zeit lang assistiert hatte, machte er schon bald mit eigenen Fotos auf sich aufmerksam. Seine Arbeiten prägten von Anfang an den Look der mittlerweile Legenden umwobenen Zeitschrift twen. In den frühen 60er Jahren hat Fritz als Assistent bei Luchino Visconti gearbeitet und seine ersten Kurzfilme gedreht.
Als 1966 die Protagonisten der „Münchner Gruppe“ sich anschickten, das deutsche Kino im Sturm zu erobern, war Roger Fritz mit „Mädchen Mädchen“, seinem ersten langen Film, dabei. Außerdem produzierte er in dieser Phase Eckhart Schmidts Debüt „Jet Generation“, in dem er mit dem so rast- wie skrupellosen Fotografen Raoul auch gleich noch die Hauptrolle spielte. Später trat er dann in Filmen von Marran Gosov, Rudolf Thome und Rainer Werner Fassbinder auf, immer umgeben von einer ganz eigenen Aura. Seine Figuren haben immer etwas Zwielichtiges an sich und wirken dadurch nur umso verführerischer. Sie sind unergründlich, rätselhaft, schwer zu fassen wie Fritz selbst, der die Münchner Kino- und Kunstszene in dieser Zeit wie kaum ein anderer geprägt hat und der dennoch einer der großen Unbekannten der deutschen Filmgeschichte geblieben ist.
Gerade einmal sechs Filme, zwei davon fürs Fernsehen, hat Roger Fritz zwischen 1966 und 1981 realisieren können. Doch jeder von ihnen ragt gleich einem Monolithen aus der Masse der deutschen Produktionen dieser Jahre heraus. Wie seine Fotos, die mehr als nur einen Moment in der Zeit festhalten, in denen sich vielmehr die Essenz eines Menschen oder auch einer Landschaft zu offenbaren scheint, dringen auch seine Regiearbeiten auf den Grund der Wirklichkeit vor.
„Mädchen Mädchen“, diese Dreiecksgeschichte zwischen einem Industriellen, seinem Sohn und einer sehr jungen Frau, die in seiner Firma arbeitet, und „Mädchen mit Gewalt“, eine bittere Studie über den Moment, in dem Ziellosigkeit in Barbarei und Begehren in Gewalt umschlägt, erzählen schonungslos offen vom Leben in den späten 60er Jahren. Jeder Aufbruch endet, kaum das er begonnen hat, als Absturz ins Nichts, in einen weit klaffenden Abgrund, den eigentlich jeder sehen kann, den die Mehrheit der bundesrepublikanischen Gesellschaft aber konsequent verleugnet hat. Selbst heute, mehr als 40 Jahre später, haben diese Filme dank ihrer inhaltlichen Radikalität und ihrer ästhetischen Kompromisslosigkeit – von Fritz’ schroffen Bildern geht eine archaische Kraft aus – nichts von ihrer Wirkung verloren. Sie sind so verstörend und so wahr wie eh und je; oder um es mit Brecht zu sagen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Die Filme des Tribute
Mädchen, Mädchen
BRD 1966 | R: Roger Fritz |
mit Helga Anders, Hellmut Lange, Renate Grosser, Klaus Löwitsch
Sa 22.30 CinemaxX 8
Häschen in der Grube
BRD 1968 | R: Roger Fritz |
mit Helga Anders, Françoise Prévost, Anthony Steel
Do 22.30 Cine k
Mädchen mit Gewalt
BRD 1969 | R: Roger Fritz |
mit Klaus Löwitsch, Arthur Brauss, Helga Anders
So 15.00 Cine k












