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Oldenburg ehrt Regisseur George Armitage mit der diesjährigen Retrospektive

19.08.15

Das Internationale Filmfest Oldenburg ehrt einen Filmemacher, dessen schiere Begeisterung für das Medium und kompromissloser Stil einige der besten Genrefilme der letzten Jahrzehnte hervorgebracht haben.

„Ich habe immer versucht, etwas Subversives in meine Filme einzubringen, aber immer offen sichtbar für alle.“ - George Armitage

Dieses Credo eines der enigmatischsten Filmemachers Amerikas zieht sich durch all seine Filme. Seine Portraits von Außenseitern und Ausgestoßenen sind von trockenem Humor, ironischen politischen Konnotationen und einer intimen Kenntnis ihres Lebensraums gezeichnet. Ausnahmslos an Original-Schauplätzen entstanden, sind seine Filme zu Zeitkapseln geworden, immer angereichert mit einer satirisch-überhöhten Reflexion auf das Genre. Armitage erschuf Charaktere, die von Darstellern wie Morgan Freeman, Owen Wilson und Kris Kristofferson zum Leben erweckt wurden. Karrieren wurden durch ihn neu definiert, so auch die von Alec Baldwin, Jennifer Jason Leigh und John Cusack.

In den späten Sechzigern begann der junge Autor für Hollywoods „King of the B‘s“, Roger Corman, Filme zu drehen. Er und seine aufstrebenden Kollegen Jonathan Kaplan, Jonathan Demme, Joe Dante und Allan Arkush brachen mit ihren selbsternannten „45RPM Rock’n‘Roll Filmen“ jegliche Regeln und definierten Genregrenzen neu. Gut zehn Jahre zuvor, 1956, mit gerade einmal 13 Jahren, verließ Armitage mit seiner Familie seine Heimat in Connecticut und zog in das multikulturelle Baldwin Hills in Los Angeles, wo Surfen, Musik, Hot-Rods und Drive-Ins, gleichermaßen Kulturschock und Teenagerparadies, seine Handschrift als Filmemacher geprägt haben.

Das Internationale Filmfest Oldenburg zeigt im Rahmen der George Armitage Retrospektive sieben seiner Filme als Autor und Regisseur. Gas-s-s-s von 1972 ist George Armitages Debüt als Autor, bei dem er von Roger Corman nichts weiter als den Titel und einen einzigen Satz als Vorgabe erhielt: “Jeder über 30 stirbt.“ Daraus machte Armitage eine postapokalyptische Parodie auf Genrekino und Jugendkultur, in der er auch selbst eine Rolle übernahm – die des Outlaws Billy the Kid. 1972 folgte der von ihm geschriebene und inszenierte Film Hit Man, eine Blaxploitation Variante von Get Carter, in der Armitage die Handlung geschickt in die afroamerikanische Community verlagert und Bernie Casey für die Hauptrolle besetzte. 

Mit seinem 1976 entstandenem Vigilante Force, der mitten in Amerikas 200-Jahr-Feierlichkeiten hineinfiel, verwebte Armitage ironisch Referenzen zwischen Unabhängigkeitskrieg und Vietnam. Eine hintergründige Attacke auf die revisionistische Sicht dieser patriotisch aufgeladenen Zeit, in der Armitage den Blickwinkel auf den Vietnamkrieg umdreht und eine Gang um einen psychotischen Eindringling in eine amerikanische Kleinstadt einfallen lässt.  Mit Hot Rod trat Armitage 1979 eine Reise in seine Vergangenheit an und ließ den Hot Rod Kult seiner Jugend aufleben. Der Film mit Gregg Henry als Außenseiter mit roter James Dean Jacke wird von Filmliebhabern wie auch von Autofans als eines der besten Roadmovies um Straßenrennen und die klassische Quartermile verehrt.

Nach einen Jahrzehnt des Schreibens kehrte Armitage 1990 mit der spektakulären Charles Willeford Adaption von Miami Blues zurück in den Regiestuhl. Mit Alec Baldwin in der Hauptrolle schuf er einen der unvergesslichsten und unterhaltsamsten Anti-Helden der Filmgeschichte.

Zwar war Armitage der erste in einer Welle von Pulp-Novel Adaptionen in den 90ern, aber seine Balance aus Satire und Tiefsinn war zu der Zeit noch zu ungeläufig, um seinen Film als das nonkonformistische Meisterwerk erkennen zu lassen, das er ist. John Cusack spielte die Hauptfigur in Grosse Point Blank, Armitages nächstem komödiantischen Antihelden: ein Auftragsmörder mit Identitätskrise. Eine subversive Satire auf alles, was der Amerikanischen Kultur heilig ist, die von der Kritik für seine unverblümten Spitzen auf dem „American-Way-of-Life“ bejubelt wurde.

2004 folgte seine Adaption von Elmore Leonard´s Roman The Big Bounce. Mit einer Traumbesetzung, in der sich neben Owen Wilson Darsteller wie Morgan Freeman, Charlie Sheen und Harry Dean Stanton tummeln, schien alles möglich. Aber der Glaube des Studios, eine nicht jugendfreie Komödie könne kein Geld an der Kinokasse einspielen, führte dazu, dass der Film aus seiner ursprünglichen Form zu einer PG-13 Jugendfreigabe bis ins Absurde umgeschnitten und letztlich zu einem künstlerischen und finanziellen Desaster wurde. Alle Spuren der Elmore Leonard Vorlage wie auch der Handschrift Armitages wurden eliminiert. George Armitage verlies erneut die Bühne der großen Studioproduktionen, mit seiner nie gezeigten Director’s Cut Schnittfassung, und verschwand.

Nach einem Jahrzehnt der Stille wird George Armitage nun zu unserer Freude und als unser Ehrengast in Oldenburg vom 16. bis zum 20. September seine Filme persönlich vorstellen.

 

WEITERE PROGRAMMHIGHLIGHTS

 

GOD OF HAPPINESS: Dito Tsintsadze. Deutschland, Georgien (WP)

Mit Schussfahrt gewann Dito Tsintsadze den Silbernen Leoparden in Locarno. Dem Bezaubernd und vollendet, fängt er in „God of Happiness“ die komplizierte Beziehung zwischen einem Vater und seiner seit einem Jahrzehnt entfremdeten Tochter mit außergewöhnlichen Humor und ein Portion Pathos ein, der tief berührt.

 

DARK: Nick Basile. USA (WP)

Während des großen Black-Out in New York kämpft sich eine junge Frau, glänzend gespielt von Whitney Able, gegen ihre größten Ängste durch die Nacht. Ohne Ausweg wächst ihre Paranoia während dieser Reise in die Abgründe des eigenen Verstandes. Joe Dante fungiert als Executive Producer und drückt damit Basiles beklemmenden Psychohorror sein Gütesiegel auf.

 

TOO LATE: Dennis Hauck. USA (IP)

In diesem atemberaubenden Debüt verwandelt Regisseur Dennis Hauck die vertrackte Welt eines Privatschnüfflers in ein wild verwobenes Sittengemälde Südkaliforniens und seiner verlorenen Seelen. John Hawkes Performance geht direkt unter die Haut und macht aus dieser Geschichte um eine vermisste Frau ein tief bewegendes Portrait eines verlorenen Mannes.

 

DIXIELAND: Hank Bedford. USA (IP)

Chris Zylka und Riley Keough bringen die Leinwand als glücklosen Pärchen zum knistern in diesem brütend heißen Mississippi Drama.Bedford erzählt seine romantisch aufgeladene Bonnie und Clyde Story moedern, poetisch und mit einem herzzerreißenden Gefühl, das unter die Haut geht.

 

ONE WILD MOMENT: Jean- François Richet. Frankreich (DP)

Vincent Cassel und François Cluzet verzaubern das Publikum in diesem knisternden Remake des Originals von 1977. Als beste Freunde machen sie Urlaub mit ihren jugendlichen Töchtern. Wenn dann der geschiedene Cassel auch noch mit Cluzets Tochter schläft, steigen die Temperaturen höher als der Sommer heißer wird.

 

TANGERINE: Sean Baker. USA (DP)

Mit dem unangefochtenen Indie-Hit dieses Jahres hat Baker Kritiker wie auch Zuschauer die Sprache verschlagen. Eine mitreißende und inspirierende Odyssey durch Los Angeles‘ Transgender-Subkultur, Humorvoll und gleichermaßen brutal ehrlich hat Sean Baker große Kinobilder auf einem kleinen iPhone eingefangen.